Wie die richtige Berufsunfähigkeitsversicherung finden ?

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist neben der Unfallversicherung die bekannteste Invaliditätsrente. Sie bietet ein sicheres Einkommen bei zeitweiliger und längerfristiger Berufsunfähigkeit.
Antworten
MarcelB
Unterversichert ;-)
Beiträge: 2
Registriert: 14.11.2018, 10:04

Wie die richtige Berufsunfähigkeitsversicherung finden ?

Beitrag von MarcelB » 17.04.2019, 10:49

Hallo zusammen,

ich möchte mich nun endlich dem wichtigen Thema Berufsunfähigkeitsversicherung widmen und
habe schon diverse Seiten im Internet durchforstet, komme aber irgendwie zu keiner Entscheidung.

Bei den diversen Vergleichsrechnern oder Finanztest kommen unterschiedliche Bewertungen und auf anderen Seiten liest man dann dass man eher eine Beratung in Anspruch nehmen sollte. Außerdem habe ich bereits ein Rückenleiden und frage mich, ob ich überhaupt so eine Versicherung bekommen könnte.

Wie habt ihr das gelöst...bin für jeden Rat dankbar :|

Benutzeravatar
VMHB
Überversichert ;-)
Beiträge: 405
Registriert: 24.08.2012, 07:07
Kontaktdaten:

Re: Wie die richtige Berufsunfähigkeitsversicherung finden ?

Beitrag von VMHB » 17.04.2019, 18:07

Hallo!

Da diese oder ähnliche Fragen in diesem Forum immer mal wieder gestellt werden, gebe ich mal einen Überblick, wie und wo eine Berufsunfähigkeitsversicherung beantragt werden sollte.


Vorab erst einmal ein paar Grundregeln:

1. Internetvergleich

Das vergleichen bzw. der Abschluss über das Internet ist völlig sinnfrei, da die dort abgefragten
Parameter keinesfalls ausreichen, einen soliden und passenden Versicherungsschutz zu bekommen.

„97% Kundenzufriedenheit“, 5 Sterne oder 4 Eulenaugen geben keinen schlüssigen
Informationshintergrund. Insbesondere werden wichtige Punkte des Bedingungswerkes wie z.B. die Regelungen zur Nachprüfung der Berufsunfähigkeit, zu Berufswechseln oder ärztlichen Anordnungen gar nicht mit in die Bewertung aufgenommen.

Und den Verzicht auf die abstrakte Verweisung als besonderes Merkmal herauszustellen, ist
obsolet, denn so etwas ist heute Mindeststandard.

Zur Kundenzufriedenheit in einem bekannten Vergleichsportal hier ein kleines „Schmankerl“:

Herr B. aus Z. schreibt: Das Angebot ist absolut passend für mich. Leider wurden ganze Körperregionen vom Versicherungsschutz ausgeschlossen.

Diese für mich schon absurd anmutende Aussage hätte man in ihrer ursprünglichen Problematik wahrscheinlich besser lösen können, zumal es auch auf die exakte Formulierung
der Ausschlussklauseln sowie die Möglichkeit der Überprüfung
(sprich unter Umständen Wegfall der Klausel nach Ausheilung) ankommt.


2. Testzeitungen & Co

Vergleiche zur Berufsunfähigkeitsversicherung in mehr oder weniger renommierten Testzeitschriften sind ebenfalls mit höchster Vorsicht zu genießen.

Die Bewertungsmaßstäbe reichen dort in der Regel ebenfalls nicht aus, um den exakt für den Kunden passenden Versicherungsschutz zu ermitteln.
Weiterhin ist es mehr als fragwürdig, wenn in einigen Tests ca. 70% mit „sehr gut“ abschneiden?!

Willkommen in der Welt der Intransparenz…ein Schelm, wer böses dabei denkt.



3. Vermittlerfalle


Die gute Empfehlung des Freunds, der „Haus- und Hof-Versicherungsonkel von Mutti und Vati“
oder schlimmstenfalls die letzte Kneipenbekanntschaft sind zu 99% nicht der richtige Ansprechpartner.


Auch sind Bankmitarbeiter zwar für die Vermittlung von Krediten und Finanzierungen zuständig, nicht aber für die Arbeitskraftabsicherung. Zumal die Auswahl eines passenden Anbieters dort reichlich begrenzt ist (i.d.R. einer) und der durchschnittliche Bankkaufmann von Bedingungswerken in der Regel nur Grundkenntnisse besitzt und in expliziten Auslegungen der Bedingungen schnell an seine Grenzen stoßen kann.

Weiterhin sind die Kooperationen zwischen Banken und Versicherungen Massengeschäft und unterliegen somit eher quantitativen als qualitativen Aspekten.
Ein jeder sollte sich selbst hinterfragen, ob er die wichtigste aller Absicherungen dort tätigt.

Wenn es einen Rabatt für den Kunden gibt, kann die Bank ja gerne die Autoversicherung gegenrechnen…aber den Rest bitte von Experten machen lassen.

Zu den vielen Strukturvertrieben, die sich als unabhängig bezeichnen und 99% der Berufsunfähigkeitspolicen zur A&M oder ähnlichen Anbietern tragen, äußere ich mich nicht mehr. Auch hier gelten jedenfalls klare interne Vertriebsvorgaben, die für das Kundenbedürfnis leider keinen Platz haben. Seitenlange und bunte Auswertungen, die den Kunden überfordern und schlussendlich immer das gleiche Ergebnis liefern, sprechen für sich.

4. Zeit

Zeit ist ein ausschlaggebender Faktor. Der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung benötigt in der Regel mindestens 4-6 Wochen (Begründung siehe weiter unten).

Und „drängelnde“ Vermittler gehören vor die Haustür, nicht dahinter!
Das Verharmlosen, Verschweigen oder Bagatellisieren von Erkrankungen zugunsten eines Schnellabschlusses ohne Arztrückfragen ist einer der häufigsten Gründe für Auseinandersetzungen zwischen Kunde und Versicherungsgesellschaft.


5. Rentenhöhe

Ohne jetzt näher auf die Ausgestaltung einer Berufsunfähigkeitsrente einzugehen, ist zumindest
die versichere Rentenhöhe eines der wichtigsten Merkmale.

Die durchschnittlich versicherte private BU-Rente liegt bei ca. 720€ monatlich.

Solche Absicherungen sind sinnlos und i.d.R. überflüssig!


Eine Rentenhöhe von weniger als 1.000 Euro ist in der Regel komplett sinnfrei – es sei denn, man ist noch anderweitig abgesichert. Denn sollte man die staatliche Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen, wird die BU-Rente mit den Sozialleistungen verrechnet.

Die Ausnahme von der Regel: Ist eine deutliche Gehaltssteigerung absehbar und man hat einen Vertrag mit herausragenden (!) Bedingungen zur Nachversicherungsgarantie, kann es sich auch lohnen, aus Budgetgründen zunächst eine niedrige BU-Rente zu vereinbaren. Das gilt zum Beispiel für Berufsanfänger.

Kurzum: Grob gesagt, aber nicht allgemeingültig, sollten ca. 70-80% des Nettoeinkommens versichert werden. Trotzdem sollte jeder Einzelfall für sich selber geprüft werden, da zu viele Aspekte in die korrekte Bestimmung einer BU-Rentenhöhe einfliessen.

Aus finanziellen Aspekten heraus eine wesentlich niedrigere Absicherung zu wählen, kann
später teuer zu stehen kommen. Sollte die Verrechnung mit der Grundsicherung eintreten, stellt man schnell fest, dass man unter Umständen jahrelang umsonst in eine „billige“ Versicherung einbezahlt hat.



Was und wie also machen?

Bestenfalls wendet man sich an einen unabhängigen Versicherungsmakler.

Auch hier gibt es (leider) qualitative Unterschiede und irgendwie muss dann auch das Bauchgefühl des Kunden entscheiden. In der Regel ist Kompetenz aber sicht- und „fühlbar“.

Im Übrigen entstehen bei einem Makler keine Mehrkosten. Auch ein Abschluss über „Prüfmal25“ oder direkt über den Anbieter ergeben keine Vorteile oder Beitragsersparnisse. Außer man verzichtet halt auf eine wertvolle Beratung.


Der Königsweg zur Berufsunfähigkeitsversicherung durchläuft 4 Stufen:

Schritt 1
Erstes Vorgespräch mit dem Makler zur grundsätzlichen und ersten Einschätzung des Gesundheitszustandes.


Hier erhält man (bei einem versierten Makler) einen gesellschaftsunabhängigen Fragebogen zur Gesundheitshistorie sowie eventuellen Berufs- oder Freizeitrisiken wie Bergsport oder Tauchen. Somit können im Vorfeld schon Grundsätze zu einer eventuellen Annahme oder auch einem evtl. Ausschluss von Krankheiten oder Zuschlägen für risikorelevante Hobbys geklärt werden.


Schritt 2
Klare Aufarbeitung durch Einholung von Arztakten und Anfragen bei Krankenkassen.


Dies ist das A & O jeder Beratung bzw. Antragstellung.

Kaum ein gesetzlich Versicherter weiß, was genau in seinen Abrechnungsunterlagen oder Patientenakten steht. Schnell wird aus einem hartnäckigen grippalen Infekt, den man noch brav im Antrag angibt, in der Arztakte eine

Akute Belastungsreaktion
F43.9G Reaktion auf schwere Belastung, nicht näher bezeichnet.


Diese Diagnose gehört zu den neurotischen Belastungs- und somatoformen Störungen…umgangssprachlich stark vereinfacht Psyche genannt. Nachdem man nichtsahnend mit einem Medikament gegen virale Infekte aus der Praxis geht und der Arzt unter Umständen diese Diagnose in die Patientenakte hinterlegt, ist Schluss mit Lustig.


Wie es dazu kommen kann? Recht einfach erklärt so:

Herr Musterkunde schließt eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab. Die Gesundheitsfragen beantwortet er so genau wie möglich. Er hatte nur zwei Arztbesuche in den letzten 5 Jahren, nämlich eine Vorsorge ohne jegliche Befunde und eine hartnäckige Grippe. Diese wurde mit Antibiotika behandelt, Herr Musterkunde war 14 Tage krankgeschrieben und die Grippe ist vollständig ausgeheilt.

Drei Jahre später meldet er aufgrund einer schweren Krankheit den Anspruch auf private Berufsunfähigkeitsrente bei seinem Versicherer an.

Dieser lehnt nach erster Prüfung kurz und knackig ab und beruft sich auf die Verletzung der sogenannten vorvertraglichen Anzeigepflicht. Herr Musterkunde ist völlig am Ende... und die erhoffte und nötige Rente in weite Ferne gerückt.

Was war passiert?
Bei seinem Arztbesuch wegen Grippe wurde er natürlich vom Arzt befragt, was der Grund für die hartnäckige Grippe sein könnte. "Die habe ich mir im Büro geholt, die anderen sind fast auch alle krank... und momentan ist mal wieder richtig viel zu tun und der zusätzliche Stress mit meinem Chef hat meinem Immunsystem wohl nicht gutgetan".

Darauf gibt es vom Arzt Antibiotika... und eine Diagnose in der Akte: "Viraler Infekt, akutes psychisches Belastungssyndrom F43"

Mit den Worten "Schonen sie sich" wird Herr Musterkunde nichtsahnend nach Hause geschickt.

Der Versicherer fragt bei dessen Beantragung einer BU-Rente (wie bei jeder! Leistungsfallprüfung) nun den Arzt an und vermutet bereits bei Antragstellung eine psychische Störung bzw. Erkrankung und beruft sich darauf, dass er den seinerzeitigen Antrag bei richtiger Angabe der Umstände so nicht angenommen hätte.


Das ganze nennt sich dann Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht. Der Ausgang im Leistungsfall, sprich bei Beantragung einer BU-Rente ist in der Regel unangenehm bis besch....



Ein weiteres Beispiel aus dem unendlichen Buch der Verharmlosungen seitens der Kunden oder Bagatellisierungen durch Vermittler in Punkto Gesundheitsangaben:

„Ich hatte mal 10 Massagen, nix schlimmes“ ...oder aber seitens des Vermittlers:
"Die paar Massagen?..die müssen Sie nicht angeben"

Die Diagnose in der Akte lautet entsprechend der 10 Massagen und Rückenschmerzen: Lumboischialgie links, Fußheberparese links KG4/5 (nie gehört, nicht wahr?)

Für viele BU-Versicherer aber schon ein klarer Grund zur Ausschlussklausel Wirbelsäule oder ähnlichen unerfreulichen Dingen.

Dies alles kann man umgehen, um im Leistungsfall nicht leer ausgehen zu müssen und/oder bereits im Vorfeld evtl. Fehl- oder Gefälligkeitsdiagnosen eines Arztes durch eine neue Stellungnahme zu korrigieren.

Insbesondere bei provozierten Krankschreibungen zur Erlangung von 3 Tagen „Sonderurlaub“
(seien sie mal ehrlich, auch schon mal gemacht?) kommen die haarsträubendsten Diagnosen ans Tageslicht.
Dazu passend die Aussage eines Internisten zu einem meiner Kunden: "Rücken geht immer"



Versicherungen fragen in der Regel 5 Jahre ambulant und 10 Jahre stationär ab.

Somit sollte man, bevor man alle Unterlagen von Ärzten, Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung zusammen hat, ein Zeitfenster von 3-6 Wochen einplanen.


Ein Versicherungsmakler unterstützt dabei umfassend in der Beibringung der Unterlagen!

Wenn alle Unterlagen zusammen sind, werden professionelle Risikovoranfragen bei den Anbietern gestellt. Dies ist noch kein verbindlicher Antrag, sondern der Makler erhält, vereinfacht gesagt, verschiedene Annahmemöglichkeiten (Votum) der in Frage kommenden Anbieter.

Diese können naturgemäß völlig unterschiedlich ausfallen, von einer normalen Annahme bis hin zu Zuschlägen oder differenziert zu betrachtenden Ausschlussklauseln ist alles dabei.


Schritt 3
Auswertung der Ergebnisse (Voten) und Wahl der am besten in Frage kommenden Versicherungen.



Daraufhin erfolgt die Ausgestaltung des Versicherungsschutzes in Hinblick auf:

- Berücksichtigung der heutigen und zukünftigen beruflichen/persönlichen Situation
- Laufzeit / Endalter der Versicherung
- Höhe der Berufsunfähigkeitsrente
- Beitragsdynamik
- Rentendynamik im Leistungsfall
- Art und Umfang der Nachversicherungsgarantien
- Arbeitsunfähigkeitsklausel ja/nein
- Zusatzbaustein für Pflegebedürftigkeit ja/nein
- befristete Anerkenntnisse des Versicherers möglich; wenn ja, auch vom Kunden gewünscht?


Schritt 4
Licht am Ende des Tunnels



Erfahrungsgemäß bleiben nach den genannten 3 Schritten nur noch handverlesene Anbieter übrig.

Hier erfolgt nun gemeinsam mit dem Kunden der Vergleich der jeweiligen Bedingungen.
Der Kunde wird dann maximal erstaunt sein, dass auch einzelne Worte und Nuancen in den verschiedenen Bedingungswerken eklatante Auswirkungen haben können.

Kurzes Beispiel:

Versicherung A schreibt in ihren Bedingungen:


Der Kunde ist bei bestehender Berufsunfähigkeit nicht verpflichtet, ärztliche Anordnungen zu befolgen. Ausgenommen hiervon sind ärztlich empfohlene Heilbehandlungen, die gefahrlos und nicht mit besonderen Schmerzen verbunden sind und sichere Aussicht auf Besserung des Gesundheitszustands bieten.


Versicherung B schreibt in ihren Bedingungen:


Der Kunde ist bei bestehender Berufsunfähigkeit grundsätzlich nicht verpflichtet, ärztliche Anordnungen zu befolgen. Ausgenommen hiervon sind Maßnahmen, die gefahrlos sind und eine Aussicht bieten, dass sich der Gesundheitszustand verbessert.



Bei Versicherung B ist man grundsätzlich nicht verpflichtet....aha....
Wer definiert den Grundsatz? Und vor allem wie?

Kennen Sie den Unterschied zwischen ärztlichen Anordnungen und „Maßnahmen“?
Maßnahmen können irgendwie alles sein, jedenfalls aus Sicht so mancher Versicherungsgesellschaft.

Juristen definieren dann im schlimmsten Fall die Zumutbarkeit von sog. "Maßnahmen"...
Aber wer will deswegen vor Gericht im Leistungsfall?

Warum sind bei Versicherer B die Schmerzen gar nicht erwähnt?

Der Unterschied zwischen Aussicht auf Besserung und „sicherer Aussicht“ auf Besserung ist schon offensichtlicher und hilft dem Betroffenen dann eher, eine Maßnahme oder Behandlung auch einmal abzulehnen.


Nachtigall, ik hör dir trapsen…



Besonders unschön wird es bei folgendem Inhalt eines Bedingungswerkes:

Nach Anerkennung der Berufsunfähigkeit müssen Sie uns wesentliche Änderungen unverzüglich mitteilen. Darunter verstehen wir:
- Die Berufsunfähigkeit der versicherten Person hat sich gemindert oder ist weggefallen.
- Die versicherte Person hat eine berufliche Tätigkeit wieder aufgenommen oder geändert


Die Mitteilung der Wiederaufnahme einer Tätigkeit ist nachvollziehbar, aber :

Woher soll der Kunde eigentlich, insbesondere bei psychischen Leiden oder diffusen, breitflächigen Krankheitsbildern wissen, ob seine Berufsunfähigkeit im Sinne der Bedingungen seiner Versicherung weggefallen ist?

Diese Mitwirkungspflicht ist schwer zu erfüllen und der Begriff „unverzüglich“ bedeutet juristisch: Ohne schuldhaftes Verzögern.


Fazit:

Der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung gehört i.d.R. in die versierten Hände
eines gut aufgestellten Versicherungsmaklers.

Der Kunde hat ohne Mehrkosten einen echten Mehrwert.
Allerdings kostet es ihn eine gewisse Zeit und Mitarbeit bis zum Abschluss.

Diese Zeit und Sorgfalt sollte aber, im absoluten Eigeninteresse, auch investiert werden.



Beste Grüße
VMHB
Versicherungskaufmann IHK
Fachmakler für Arbeitskraftabsicherung

www.versali.de

Antworten